Aktiv trotz Depression
Aktiv trotz Depression
01. Februar 2015


Prolog

Nun ja, im Großen und Ganzen stimme ich Udo Jürgens zu wenn er singt:

"Leute reden über jeden!" Das ist wahr, und wie die Welt so alt.

Besonders bedeutend finde ich die Passage:

"Sie sind wie ein Ungeheuer, das uns niemals aus den Augen lässt; wenn´s uns gut geht wird es böse, wenn´s uns schlecht geht gibt es uns den Rest!"

**********************************************************************************************************

Wer sind denn eigentlich "die Leute?"

 

Doch nicht mehr als gackernde Hühner und haben vermutlich auch ebensoviel Verstand!

Von unbekannt

**********************************************************************************************************

Außerdem, in welcher Gesellschaft leben wir denn, in der Menschen nur nach ihrer Erwerbstätigkeit, ihrem Beruf bewertet werden?

Gilt zum Beispiel die Pflege der behinderten Ehefrau, inzwischen seit 43 Jahren, gar nichts? Und so ganz nebenbei meist länger als acht Stunden täglich gearbeitet.

Zwar schon vor Jahren, so ganz nebenbei den Ausbau unserer Wohnung vollendet. Ach ja, der Haushalt wollte damals wie auch heute, gemacht sein! Als dann das eigene Auto im Hof stand, plante meine Mutter im Lauf der Woche, wohin wir am Wochenende fahren könnten... Soll ich die Liste vervollständigen? Lieber nicht, denn ich habe vor noch einiges zu schreiben.

Wer auch immer würde es in Ordnung finden, wenn ohne sein Beisein über ihn geredet, gemutmaßt wird? Klatsch und Tratsch haben anscheinend ihren Reiz, doch richten sie häufig großen Schaden an!

Jeder sollte die Chance bekommen sich zu verteidigen!

Besonders möchte ich betonen, dass ich niemals aufgehört habe zu arbeiten!

Viel zu viel wurde auch vor meinem Aufbruch nach Canarias über mich geredet.

Hämische Bemerkungen wie: "das schafft der doch niemals, jetzt ist er durchgeknallt usw"! machten die Runde. Was wussten denn die Tratschtanten über mich? Woher nahmen sie sich die Zeit über andere zu lästern, herzuziehen?

Ein weitläufiger Verwandter beschimpfte mich übelst, weil ich "das Haus meiner Eltern" vekaufen wollte! Es war seit dem ersten Spatenstich "mein Haus!" Lediglich der Bauantrag musste auf die Namen meiner Eltern gestellt werden, weil ich bei der Antragstellung noch unter einundzwanzig Jahren war. Da meine ersten dürftigen Einkünfte schon für "das Haus" gespart wurden und vier fünftel der Schulden auf meinen Schultern lagen, drängte ich später darauf, das Haus samt Grundstück auf mich überschreiben zu lassen. Was meine Eltern beigesteuert haben, wohnten sie in vierundzwanzig Jahren ab. Das ergab eine Miete von eben mal 104 DM monatlich. Meine Mutter sprach immer von "unserem Haus" und implizierte damit wohl, dass das Haus Eigentum meiner Eltern sei!

Warum ich so früh aufgehört habe zu arbeiten: "habe ich das überhaupt?"

Mein ganzes Leben habe ich gearbeitet. Müßiggang lag mir nie!

Und ich arbeite heute mit fast 67 Jahren noch immer! 

Prinzipiell bin ich niemandem Rechenschaft schuldig, warum ich aus meinem Beruf austeigen musste, aber bitte: "Ihr dürft es gerne wissen!"

Irgendwann im Jahr 1992

Ich wache auf, meine rechte Hand schmerzt, komisch habe mich doch nirgends angehauen oder sonst was?

Der Wecker zeigt 2 Uhr morgens, normalerweise bin ich um diese Zeit noch nie aufgewacht. Auf meiner rechten Hand über dem Mittelhandgelenk des Zeigefingers, eine ordentliche Schwellung, als ich sie berühre flammt starker Schmerz auf!

Natürlich fahre ich kurz vor sieben Uhr los zu meiner Arbeit, ein ganzer Packen Aufträge, zwei Neugeräte....na denn mal los. Die Schlepperei bringt keine Schmerzverstärkung, aber bloß nicht drankommen denn das Dingens ist hoch druckschmerzempfindlich.

Die Wochen vergehen, was jucken mich die Schmerzen, obwohl sie immer intensiver werden. Irgendwann packe ich es doch an, habe eh Urlaub und so gehe ich zum Doc. Der schüttelt bedenklich den Kopf gibt mir netterweise ein Schmerzmittel mit und eine Überweisung zum Orthopäden. Zuhause nehme ich eine Tablette, nach zweieinhalb Stunden sind die Schmerzen immer noch mit gleicher Intensität vorhanden. Habe aber plötzlich ein seltsames Kribbelgefühl im Gesicht, schaue in den Spiegel und sehe Frankensteins Bruder. Auf dem "Waschzettel" und unter einer Latte von Nebenwirkung steht Gesichtsödem, sehr selten! Ich aber habe die Seltenheit! Glücklicherweise klingen die Schwellungen bis zum Abend ab.

Tage später, der Orthopäde schickt mich gleich zum obligatorischen Röntgen.

Die Bilder bringen kaum Aufschluss, nur der Gelenkspalt des Mittelfingergrundgelenks - rechter Hand ist leicht erweitert. Ich werde zur radiologischen Ganzkörperszintigraphie geschickt, muss einen Liter radioaktives Gebräu zu mir nehmen und soll zwei Stunden später wieder da sein. Die Untersuchung bringt kein greifbares Ergebnis. Die Schmerzen werden stärker und die Schwellung an der Hand größer.

Habe einen kleinen Unfall. Klar doch, ein Indianer kennt keinen Schmerz und ich arbeite noch drei Wochen weiter. Das linke Knie wird immer dicker, ich muss also doch zum Arzt; zwei Tage später ins Krankenhaus. Ein verschobenes Band im linken Knie wird durch einem Endoskopieeingriff zurecht gerückt. Ich bekomme Teilnarkose; möglicherweise durch ein Missgeschick der Amnäsiesistin sehe ich plötzlich meinen Film rückwärts laufen, ich höre wie nach mir gerufen wird, ist mir eigentlich wurscht, doch nach einigen Minuten bin ich wieder klar. Niemand im Krankenhaus hat je ein Wort über das Geschehene verloren.

Das Knie muss geschont werden, also Urlaub mit dem gelben Schein. Der Boss tobt und hängt das Gesicht runter, nach sieben Wochen gehe ich wieder zur Arbeit.

Nächster Termin beim Orthopäden: er schickt mich in die Uniklinik Heidelberg, ich muss einen Packen Fragebögen ausfüllen und werde von einem angehenden Assistenzarzt befragt.

In meinem Befundbericht, von dem ich, weil zur Gewohnheit geworden eine Kopie mache, steht unter anderem: da Herr B. eher zurückhaltend gegenüber medikamentösen Maßnahmen ist, wird derzeit keine Basistheraphie eingeleitet sondern ein abwartendes Verhalten bevorzugt. Wiedervorstellung in 6 Monaten.

Schon nach 6 Wochen bin ich wieder dort, Schmerzen toben jetzt auch in beiden Knien und ich muss doch viel auf den Knien arbeiten. 

Der Chefazt von oben herab: "was wollen sie eigentlich, wollen sie ihre Rente?"

Was und wie ich deshalb über ihn denke, bleibt besser ungeschrieben!

Erneute Krankschreibung.

Vier Wochen danach wieder zur Arbeit da die Schmerzen etwas zurückgegangen sind, der Boss ist stinkig und tobt! Egal, ich suche nach neuer Arbeit! Bekomme einen Arbeitsplatz direkt um die Ecke angeboten und kündige.

Der neue Arbeitgeber weiß Bescheid über meine Wehwehchen, will mich aber unbedingt wegen meiner langjährigen Erfahrungen im Kundendienst. Einige Monate geht es gut, dennoch bin ich wegen andauernden Schmerzen in vielen Gelenken beim Neurologen vorstellig. Die Nerven im Schulter und Handbereich werden durchgemessen - grausam. Bin einiges an Stromschlägen gewohnt aber das ist erheblich gemeiner. Diagnose: neuromuskuläre Übererregbarkeit... Außerdem diagnostiziert der Neurologe eine psychisch-mentale Überbelastung und darin

stimme ich ihm vollkommen zu.

Eine Verhaltenstherapheutische Behandlung wird mir empfohlen, bekomme einige Medikamente verordnet die keine negativen Wirkungen hervorbringen, jedoch auch keine positiven!

In beiden Händen rumort es, ich kann meine Finger nicht mehr gerade machen, wie mag das weitergehen? Krankmeldung, nach sechs Wochen keine Besserung. Immer noch kein Termin bei der Verhaltenstheraphie. Geld kommt von der Krankenkasse. Mein Chef ist froh,dass ich momentan nicht arbeiten kann, denn in der Auftragslage herrscht Ebbe. Inzwischen schreiben wir Juli 1994, der gebuchte Urlaub wird angetreten. Drei Wochen La Palma! Ein Traum - die zuvor angesehenen Bilder bei Freunden sind nur ein Abklatsch der Wirklichkeit. Nach vier Tagen schon lassen meine Schmerzen nach und zwei Wochen später sind die Finger gerade, die Schmerzen sonstwo! Meiner Frau geht es blendend, nicht ein Anfall seit wir auf der Insel sind.

Eine Idee wird zum Vorsatz: "Irgenwann sind wir für immer hier !!!"

Zwei Wochen kann schon ich wieder arbeiten, als die Schmerzen zurückkehren. Ich kann keine E. Geräte mehr tragen; macht nix sagt mein Boss geduldig und schleppt die Waschmaschinen und andere Geräte mit einem Lehrling im dritten Jahr, hoch bezw. runter.

Meine Frau hat wieder ihre Anfälle, die Zeit vergeht. Ich werde zur vertrauensärztlichen Untersuchung bestellt, weil ich schon wieder einige Monate im Krankenstand bin. Die Vertrauensärztin... fast so breit wie kurz - Stoppelhaarschnitt, schaut mich von oben herab an und plärrt:

"warum halten sie ihre Finger so krumm?" Den Rest erspare ich dem Leser!!!

Zum zweiten Mal geht es im Sommer 1995 nach La Palma.

Wir sehnen uns danach, bald für längere Zeit auf der Insel zu bleiben. Inzwischen bin ich im fünften Semester Spanisch, schließlich will ich mit den Menschen auf der Insel in ihrer Sprache reden.

Die Krankenkasse will, dass ich mich langsam wieder an die Arbeit gewöhne, mit drei Stunden täglich fange ich an, kann kaum den Accuschrauber halten, die Arbeit ist wegen der Schmerzen eine wahre Qual geworden und ich bekomme meine Entlassung, da wieder sehr wenig Arbeit ist.

Die Monate vergehen. Das Haus ist verkauft, ein Trooper und ein Wohnwagen wird gekauft und wir wohnen auf einem Campingplatz. Inzwischen sind die Pläne für den Umzug nach Canarias weiter gereift.

Ich rufe bei der Hafenmeisterei in Cádiz, wegen des Transportes mit der Fähre an. Frühestens am 19. Oktober bekommen wir Platz für das überlange Gespann.

Der erste Test meiner zweiten Sprache ist geglückt!

Am 22. September 1996 ist der Tag der Abfahrt und "adiós alemania", kein Trennungsschmerz; aber dafür das Gefühl eine gewaltige Last abgelegt zu haben.

 

Wir fahren durch Frankreich, an der spanischen Mittelmeerküste bis nach Südwestspanien, dort fünf Wochen Camping bis der Tag der Überfahrt kommt.

 

Endlich: "19 Oktober 1996 - 13:50 Abfahrt - Peninsula ade!"

 

Endlich! Abfahrt nach Canarias********************************Ankunft in Teneriffa*********************Hafen - La Palma

Die Fahrt über den Atlantic.

Das Wetter gibt sich stürmisch und wir verkriechen uns in der Kajüte. Der Atlantic ist von Natur aus nicht mit der Badewanne Mittelmeer zu vergleichen und heute, wie um diese Tatsache zu bestätigen, gebärdet er sich besonders unwillig. Irgendwann gelingt es trotz allen Geschaukels einzuschlafen. Morgens: englisches Frühstücksbuffet, naja dann mal ran an Rühreier und Speck, Toastbrot, aber nein - Bohnen um diese Tageszeit müssen nicht sein. Der Kaffee ist gut und der nächtliche Sturm hat den Himmel klar und schön blau gepustet. Am späten Nachmittag taucht in der Ferne die Silhoutte des Teíde auf. Teneriffa in Sicht!

Eine halbe Stunde später legen wir an. Um 22:00 soll es mit einer kleineren Fähre nach La Palma gehen. Gegen 22 Uhr halte ich nach dem "Ferri" Ausschau, keine Spur zu sehen. Ein Hafenarbeiter meint, dass es zu einer kleinen Verspätung kommen könnte. Endlich gegen 23:00 Uhr läuft der Pott ein. Ein paar Lastzüge mit Kontainern verlassen die Fähre. Ich muss als erster mein Gespann rückwärts reinfahren; irgendwie kriege ich es trotz Müdigkeit gebacken und wir verschwinden in der Kajüte. Die befindet sich wohl in nächster Nachbarschaft des Maschieneraumes, dementsprechend ist an Schlaf nicht zu denken. Irgendwann in der Frühe gehe ich an Deck, das Wetter benimmt sich gesittet und ein laues Lüftchen streichelt mein Gesicht. Dann sehe ich Lichter am Horizont und die Silhouette von La Palma erscheint, umgeben von leichtem Frühdunst.

 

Inzwischen ist der Hafen zu sehen und bald legt die Fähre an. Schneller als gedacht können auch wir ausfahren. Am Hafenausgang stehen einige Zollbeamte und halten ihren Morgenplausch. Ich bekomme Herzklopfen, was wenn ich jetzt den Wohnwagen ausräumen muss?

Aber nichts dergleichen, einer der Beamten winkt uns durch, ich grüße freundlich und ab geht es auf der "LP 1" Richtung Norden.

 

Geschafft! Der Wohnwagen steht im Gelände nahe dem Meer und wir gehen erst mal zur Bar "La Gaviota" in der Nähe, um unser Frühstück einzunehmen.

Die Bar hat in Spanien andere Funktionen als in Deutschland. Hier gibt es leckere Tapas, natürlich guten Kaffee und einen Camarero der fast alle erdenklichen Fragen beantworten kann. Als wir zahlen frage ich ob in einem der Reihenäuschen vielleicht etwas frei wäre. Er bejaht und schreibt eine Telefonnummer auf einen Zettel. Die Besitzer seien aber erst am frühen Nachmittag zuhause.

Gegen 15:00 rufe ich an. Eine nette Dame meldet sich und ich trage mein Anliegen vor. Die Dame sagt, dass eben ihr Mann eingetroffen sei und reicht mich weiter. Er erklärt, das Appartamiento habe eine große Wohnküche mit angrenzendem überdachten Grill, zwei Schlafzimmern und Bad im Obergeschoss, voll möbliert. Er stelle sich einen Mietpreis von umgerechnet 450 DM vor wenn wir mindestens 4 Wochen bleiben würden. Nun gut, wir wollen uns um 18:00 in der "Gaviota" treffen. Er kommt pünktlich, ich spendiere ihm einen Espresso, er fragt wieso ich ein so gutes castellano (spanische Hochsprache) spreche. Ich erkläre ihm, sieben Semster gelernt zu haben da ich nicht vorhabe, in den deutschen Ghettos zu schmachten, sondern gerne mit Einheimischen zusammen leben möchte.

Ein tolles Apartement, mit Einbauküche, Gasherd und Waschmaschine. Im Wohnbereich ein großer Tisch und eine Essbar. Bettwäsche zum wechseln, zusätzliche Wolldecken, alles was man braucht ist vorhanden. Wir einigen uns auf 400 DM, ca. 35.000 Pesetas, da wir einige Monate in der Wohnung bleiben wollen! Wir unterschreiben den Mietvertrag.

Nachdem der Wohnwagen ausgeräumt ist stelle ich fest, dass er nur noch Schrott ist und verschenke ihn an einen Einheimischen, der  ihn gerne nimmt um daraus eine Gartenlaube zu machen. Er versorgt uns dafür wochenlang mit frischen Orangen!

Und auch hier in dieser wunderschönen Umgebung wollen alle Vepflichtungen wie: "Wohnung sauberhalten, Wäschepflege, Kochen usw. erledigt sein und ich nehme meinen Job als Hausmann ernst. Außerdem müssen Anträge gestellt werden, für die Residencia (unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis) und für die Aufnahme in die "Seguridad- social" (Sozialversicherung)  und ein Konto muss eröffnet werden. Von wegen den ganzen Tag am Strand rumlümmeln! Übrigens: " die Shorts sind in den Kleiderschrank verbannt!" In kurzen Hosen laufen auf der Insel nur Touristas rum.

La Palma ist nahezu nur von deutschen Urlaubern besucht! Viele latschen in den Städten in extra kurzen Shorts und Unterhemd durch die Gegend und scheuen sich auch nicht, in dieser Aufmachung in den Kirchen während der Messe zu erscheinen und mit Blitzlicht munter zu fotografieren - nein es ist echt zum K.....!!

 

Die ersten Wochen auf der Insel. Behördengänge, Nachweis von der Bank in Deutschland denn die Meldebehörde will bestätigt haben, dass monatlich mindestens 1.500 DM eingehen.

Die Einfuhr des Geländewagens erscheint mir zu problematisch (1996 noch notwendig da Canarias Sonderstatus in der EU genuß!) Zu viele Überprüfungen, zuletzt der spanische TÜV und wenn der nein sagt wegen der vielen Anbauten, sind mindestens 1000 DM futsch. Also die Karre zurück nach Old Germany. Die zweite Schiffsreise, wir genießen sie, danach eine herrliche Fahrt von Cádiz über Madrid, durch Frankreich.

Dann der Schock...die Autobahn in Deutschland - lange Strecken in miserablem Zustand. Zwei Wochen danach, der Trooper ist verkauft, der Rückflug schon vorab bei "Viajes Insular" günstig gebucht. "Endlich wieder Daheim"! Wir können unsere Ausländerausweise, "Residencia" genannt abholen, wir haben unser Karten von der seguridad social, können damit ins centro medico (Ärztehaus) um Medikamente verschreiben zu lassen die wir, da meine Frau E.U.Rentnerin, kostenlos bekommen. Der Arzt fragt wann unser letzter Bluttest gewesen sei. Etwas mehr als ein Jahr. Sofort zur Blutabnahme, in zwei Tagen Besprechung. Ich habe Diabetes zwei!

 

Ein halbes Jahr sind wir schon da, wir haben ein hübsches Häuschen für knapp 150 DM an der Ostseite der Insel gefunden. Nur teilmöbliert, aber das lässt sich ändern.

 

Die spanische Bürokratie scheint die Deutsche übertrumpfen zu wollen.

Allerdings habe ich schnell gelernt mich durchzusetzen, (freundliches, aber bestimmtes auftreten)! Meinen Wortschatz konnte ich inzwischen erweitern, eine gesunde mediterrane Bräune und der palmerische Slang macht mich allmählich zum Einheimischen. Eigentlich sind die Beamten auch sehr nette Menschen, aber an ihrer mañana - Mentalität kommt man nicht so leicht vorbei! "mañana-mañana" - morgen ist auch noch ein Tag; oder: was Du heute kannst besorgen, das verschiebe gleich auf morgen!

 

Es geht tatsächlich ohne Auto, eine Bushaltestelle ist sehr nahe dem gemieteten Häuschen. Die nette Nachbarin hatte uns beim Einzug gleich eine Riesentüte Kartoffeln gebracht, Setzlinge für Kraut, Salat und Paprika. Sie ist überrascht, hat nicht erwartet auf Spanisch begrüßt zu werden!

Alle Pflanzen in die Erde, vulkanischer Lössboden - das muss ja werden! Inzwischen habe ich die drei verlotterten Orangenbäume ausgeholzt; habe ein schlechtes Gefühl! War das zuviel des Guten?

Der Opa aus der Nachbarschaft meint: viel zuwenig geschnitten...

Inzwischen treiben aus den Blumenkästen an der Veranda die schönsten Blumen, die regelmäßige Bewässerung dankend. Es duftet im Garten, denn die Orangenbäume blühen und Opa Alfredo meint es seien die schönsten O-Bäume der Insel! Möglicherweise leicht übertrieben. Ein blindes Huhn findet eben auch mal ein Korn.

Habe eine junge Bananenstaude besorgt, un hijo - ein Sohn. Der Nachbar rechterhand schüttelt den Kopf während er seinen puro (Zigarre) schmaucht. Eso no sirve para nada, das taugt zu nichts meint er. ¿Por qué no probarlo? erwiedere ich, warum nicht probieren? Nun ja, normalerweise gedeihen Bananen bis ca 450 meter über dem Meer. Wir wohnen 520 Höhenmeter! Fleißig gebe ich meinem Pflänzchen Wasser und es wächst recht schnell.

Wir kriegen Besuch, zwei meiner ehemaligen Wochenendkinder aus Deutschland, dürfen die Pfingstferien hier auf La Palma verbringen. Zum nächsten Strand ist es weit, hier in diesem kleinen Barrio wird nicht viel für Kinder geboten. Also miete ich für zwei Wochen ein Auto, bekomme es zum günstigsten Preis, da ich hier schon zweimal im Urlaub das Fahrzeug gemietet hatte. Zwei lebhafte Wochen, wenig Zeit für den Garten,  der  meine Nachlässigkeit mit Unmengen an Unkraut quittiert. Das gibt Arbeit!

Luisa, mittlerweile 16 Jahre jung hat Liebeskummer, ihr Liebling .... ob er wohl treu sein wird. Ich sage ihr: an seiner Stelle würde ich Dir bestimmt treu sein. Dennoch fließt manche Träne.

Die Gäste sind weg, der Garten atmet wieder freier, inzwischen habe ich die Kartoffeln geerntet und wie beim Nachbarn abgeschaut, gleich wieder welche gesteckt. Viermal Kartoffelernte im Jahr, der wahre Überhammer. Die ersten Orangen sind schon zu herrlichem Saft geworden. Die Paprikaschoten sind nahezu reif und man höre und staune, an der Bananenpflanze hat sich ein Fruchtstand gebildet. Am Ende des Fruchtstandes eine große eiförmige Blüte. Wenn man die zwiebelartig angeordneten Blütenblätter etwas anhebt, sieht man winzig kleine Plátanos (Bananen) darunter. Nach und nach rollen sich die Blütenblätter zurück und geben die schon recht groß gewordenen Früchte frei. Damit die Früchte auch groß genug werden, müssen deren Enden mittels eines scharfen Messers von den Blütenansätzen befreit werden.

Und sie werden groß. Bald muss ich den Fruchtstand unterstützen, mit einem starken geraden Ast der am oberen Ende gabelförmig ist. Der nette Nachbar meint das sei nicht normal, hier oben Fruchtertrag. Ich erwiedere ihm, dass die dümmsten Bauern oft die schönsten Kartoffeln haben, er lacht herzlich und lädt mich in die nahe Bar ein wo er mir einen "Pino" spendiert. Das ist ein Rotwein in Fässern, aus dem stark harzigen Holz der kanarischen Kiefer (pinus canariensis), gereift und gelagert. Carrramba sage ich, als der Wein meine Nase von innen kitzelt. Der hat mehr als zwölf Prozent!

Catorce y medio (vierzehn-einhalb) meint der Camarero- der Mann hinter der Theke und grinst. Er stellt ein Tellerchen mit Oliven her. Er fragt wie es kommt, dass ich so gut spanisch spreche. Ich erkläre ihm, dass ich in De. einige Semester Spanisch gelernt habe. Wenn man als Ausländer die Landessprache beherrscht, wird das von den Einheimischen sehr honoriert.

Prompt werde ich samt Frau eingeladen an einem volkstümlichen Abend teilzunehmen.

Der Abend des Festtages rückt näher, man hat uns zwei Plätze in der ersten Reihe reserviert. Die Fiesta wird grundsätzlich in der Kirche begonnen, ein kurze Ansprache des Pfarrers zwei Lieder, mit Mandolinen und Gitarrenbegleitung, dann wird die Fiesta eröffnet. Zwei sehr bekannte Gruppen sind anwesend es wird musiziert, gesungen und getanzt. Schon vor einigen Jahren hatte ich mir Kasetten und CDs mit canarischer Volksmusik besorgt und kenne deshalb die meisten Lieder schon, und so singe ich mit. Das löst Erstaunen aus, ein Ausländer der "unsere Volkslieder" kennt, höre ich zwei würdevolle, alte Damen flüstern. Nachdem ich einigen Leuten erkläre, dass ich mich schon sehr heimisch fühlen würde, nennt man mich "El Palmero" was von Bedeutung sein mag, die Einheimischen von La Palma heißen eben Palmeros.

 

Für den Export taugen meine Bananen nicht :)) Die Staude sollte normal mindestens 35 Kilo haben, die 31 vorhandenen reichen aber für den eigenen Bedarf. Leider stirbt die Mutterpflanze wenn die Früchte ab sind, aber sie hat zwei "hijos" (Söhne) ausgetrieben, wovon einer stehen bleibt und bald zu gedeihen anfängt. Auf La Palma bleibt die Zeit auch nicht stehen, Luisas Freundin verbringt einen Teil ihrer Ferien bei uns! Ein paar schöne Wochen, wir versprechen uns beim Abschied, dass wir unseren Kontakt aufrecht halten wollen.

Es wird laut gegenüber! Ein Riesenloch wird ausgebaggert, Baulärm von früh Morgens bis in die Nacht. Ein neuer Platz für die Fiestas, mit Bewirtschaftung soll hier entstehen. Da ich schon einige Jahre, ohne zu wissen was mich quält, an einer ausgeprägten Phonophobie leide, bekomme ich Fluchtgefühle. Einige Wochen später steht der Umzug bevor, es sollte nicht der letzte sein! Inzwischen habe ich mir einen gebrauchten Straßenfloh gekauft, und so gehen wir auf Suche. In Gallegos im Norden der Insel werden wir fündig. Eine "casa antigua" mit Anbau, recht preisgünstig im Norden der Insel. Vor der Haustür ein herrlicher Ausblick auf den weiten Atlantico. Der Abschied von San Bartolo ist tränenreich und nur mit vielen Versprechen, mal zu Besuch zu kommen lässt man uns ziehen. Man hat aber Verständnis, wenn es für die Gesundheit ist.

Gleich am Abend des Einzugs der Abenspaziergang, allerdings kommen wir nicht weit. Schon beim zweiten Haus werden wir angesprochen, herzlich begrüßt und zu einem "cafecito" eingeladen. Ein wirklich herzliches Willkommen. Wir erfahren, dass die unverkäuflichen Bananen an die Schweine verfüttert werden, man wolle uns aber gerne davon abgeben, also holen wir zweimal wöchentlich "Schweinefutter"!

Ein halbes Jahr wohnen wir dort, als wir einen interessantenTip bekommen!

Wir erfahren, dass Leute aus der Schweiz, Bewohner für die Hacienda ihres verstorbenen Vaters suchen. Als Mietersatz müsse man sich um das Grundstück und das Haus kümmern. Wir sind sofort einverstanden und ziehen um ins "innere Paradies" nach El Paso - Calle Echedey. El Paso, fast achthundert Meter über dem Meer gelegen, Calle Echedey benannt nach dem Häuptling des Guanchenstammes der Benahoares, Ureinwohner La Palmas. Vielleicht vor beinahe 1000 Jahren gestrandet auf La Palma, losgefahren auf Schilfrohrflößen vom Norden Afrikas. Wer überleben will braucht Wasser und Wasser gab und gibt es genügend auf der übergrünen Insel! Begünstigt durch geologische Besonderheiten wie der bis zu mehr als 2400 Meter hohe Gebirgszug der cumbre nueva und der cumbre vieja, der von Nord nach Süd verläuft und sich dem warmen Passat entgegenstellt. Dadurch stauen sich die Wolken im Osten, müssen sich über den Gebirgszug quälen und lassen ihr kostbares Nass zurück. Doch zurück zu "Echedey", der Name kommt von Echeyde was verschneite Bergspitze bedeutet und sich ohne Zweifel auf den höchsten Berg Spaniens bezieht, den Teíde auf Teneriffa. Aus Echeyde wurde später Teíde! Bis ins fünfzehnte Jahrhundert konnten die Benahoares ungestört auf La Palma leben, bis die Spanier auf die sieben Inseln kamen und die dortige Kultur sowie unzählige Leben zerstörten. Erhalten haben sich, überliefert durch wenige Überlebende, Reste der Sprache, einige Tänze, sowie Lieder und so mancher "Palmero" trägt, das Blut der frühen Einwanderer vom schwarzen Kontinent in seinen Adern. Auch viele Worte der Benahoare sind noch heute im Gebrauch. So viele, daß sie ein Buch mit 13000 Wörtern füllen.

Pasado - Vergangenheit***********************************Blick zur cumbre nueva*************************Bananenblüte

Ich werde wach, der junge Tag schaut noch etwas grau durchs Fenster. Ich steige aus dem Bett und ab unter die Dusche. Während das Wasser den Rest Schlaf abwäscht genieße ich den herrlichen Blick zum Meer. Über Los Llanos das tiefer, so an die 500m über dem Meer liegt, hängen dichte Wolken. Zur Caldera de Taburiente habe ich freien Blick. Schnell den Trainigsanzug übergestreift, es ist noch kühl um 8 Uhr Morgens. Die Sonne ist noch nicht über die Cumbre gekrochen, da wird es 11 Uhr werden, bis sie ihre mild wärmenden Strahlen zu uns auf die Westseite der Insel bringt.

Aus dem Haus und in den Garten, ein Blick über meine 80 Orangenbäume. Was für ein betörender Duft, ich liebe diese Bäume, tragen sie doch gleichzeitig Blüten, unreife und reife Früchte. Ich schalte die Bewässerungsanlage ein, gehe die Reihen durch, mein kleiner Korb ist schon halbvoll, das reicht für den frischgepressten O-Saft.

Der Schwarzwurzel kommt mauzend her, streicht mir um die Beine und rennt Richtung Haus. Er kennt meinen Tagesablauf und weiß, gleich gibt es Frühstück. Herrlich das Frühstück unter der großen Palme!

 

Heute da Sonntag wird es etwas ausgedehnter als unter der Woche. Kurz vor elf Uhr, die Sonne steht schon fast ganz über der Cumbre. Die Klamotten sind inzwischen gewechselt, Sporthose und Shirt reichen aus. Die Glocken von El Paso sind zu hören und ein sanfter Wind trägt das Geläut zu uns. Das Mittagessen ist vorbereitet, puchero de verduras, Gemüseeintopf gibt es heute. Diverse Gemüse, Kartoffeln und ein Stück Chorizo (Spanische Paprikasalamie) in Stückchen geschnitten , hmmm wie das duftet. Auch der Kater scheint sehr interessiert und hat sich schon vor seinem Teller plaziert. Die Sonne steht hoch, gegessen wird unter der großen Palme, bis zu 4,60 Meter sind ihre unteren Zweige lang, die untere Reihe muss bald abgesägt werden.

Es klingelt. Die nette, etwas entfernt wohnende Nachbarin bringt den bestellten Ziegenkäse, geräuchert natürlich. Wie verlockend der duftet. Die Nachbarin wird zu einem Cafecito eingeladen, die Unterhaltung hält an, ein zweiter, ein dritter Espresso aus der Cafetera, dann muss sie los. Besuch von den Kindern steht bei ihr an. Ich mache einen ausgedehnten Rundgang durch die Baumreihen, nahezu 50 kilo Orangen, die guten Navelinas, das gibt ein hübsches Geld. Die werden gleich Montag früh an die Touristas verkauft.

Montag morgens auf dem Markt: Un kilo "nanchas" (heißt naranjas) wünscht die Dame, wenigstens gibt sie sich Mühe und so kriegt sie noch eine große Navelina oben drauf. Schönes Wetter heute, meint sie. Ich bleibe aber Palmero (Einwohner von La Palma) und sage si, si señora, buen tiempo. Der nächste Kunde macht seltsame Handbewegungen und versucht sein halbvergessenes Schulenglisch auszugraben. Ich nehme an er wünscht 2 kilo, ich wiege ab und sage: 200 pesetas bitte. Der Unterkiefer klappt ihm runter... Der Palmero von nebenan grinst mir zu!

Wieder daheim. Der Ziegenkäse verliert etwas an Gewicht bis das Abendessen          "la cena" beendet ist. Einige Schleierwolken werden von der untergehenden Sonne rot gefärbt. Heute läuft "De Tenderete", eine Sendung mit "musica folclorica de Canarias" im TVE 1. Das wird auf Kassette konserviert. Heute  nach Jahren zehre ich davon, frische meine Erinnerungen auf.

P.S. Nachdem der Euro eingeführt war, wurde das Leben auch hier vehement teuer. Außerdem kamen meine Schmerzen zurück. Schmerzspezialisten gab es nur auf Teneriffa und mehrmals im Jahr die Kosten für die Überfahrt oder einen Flug aufbringen, hätte unser Budget überstiegen. Außerdem hatte die Erbengemeinschaft des Hauses in dem wir wohnten, den Verkauf desselben angedacht.

So entschloßen wir uns schweren Herzens wieder nach Deutschland zurück zu siedeln.

Ich habe gelernt, dass durch Zeit und unvorhersehbares Geschehen,

Pläne scheitern können,

was allerdings meinen Drang zur Arbeit nicht im geringsten vermindern wird!

 

© weboss 2015

Bitte wenden Sie sich künftig an:

Selbsthilfe- und Patientenberatung Rhein-Neckar gGmbH
Alte Eppelheimer Straße 38
69115 Heidelberg

Telefon: +49 (0) 6221 18 42 90
Telefax: +49 (0) 6221 16 13 31
E-mail:mailto:info@selbsthilfe-heidelberg.de

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Aktiv trotz Depression 2018