Aktiv trotz Depression
Aktiv trotz Depression

Januar 2015

Eine neue Flut von Erinnerungen taucht auf; Bilder - statisch und bewegt, Stimmen; inzwischen weiß ich was zu tun ist. Bequem sitzen, entspannen, konzentrieren bis es zu Ende ist. Dann sofort alles aufschreiben; einige Stunden Pause. Den Text im Lauf der kommenden Stunden bezw. Tage mehrmals durchlesen. Nach und nach wird es erträglicher, bis eine tiefe Erleichterung eintritt. Geschafft!

 

Traumatische Situationen wie Gewalt, sexuelle Übergriffe und soziale Demütigung verursachten in meiner Vergangenheit maximalen Stress. Andauernder Maximalstress bewirkte, dass Stresshormonausschüttungen sich hemmend auf Informationsverarbeitung und Speicherung auswirken. Die Gehirnstrukturen Amygdala und Hippocampus, die für die Integration emotionaler, faktischer und sensueller (die Sinne, die Sinnesorgane betreffend) Information zuständig sind, kooperierten nicht mehr, sodass Erinnerungsfragmente dissoziiert (getrennt) abgespeichert wurden. Normalerweise auftretende Abspaltungssymptome, wie z.B. eine PTBS traten bei mir nicht auf.

Wichtig aber ist, dass die fragmentiert abgespeicherten Traumen in das Bewusstsein zurückgeführt werden, um sie zu bearbeiten und verarbeiten!

Inzwischen habe ich eine erhöhte Sensibilität gegenüber meiner Psyche entwickelt und einen Mechanismus in Gang setzen können, der die fragmentierten Erinnerungen in mein normales Bewusstsein bringt. Es vergehen bisweilen Tage, bis aus den Erinnerungsfragmenten eine komplette Episode der Erinnerung entstanden ist und die verdrängten Erinnerungen konkret wieder vorhanden sind. Bilder tauchen auf, ich kann diverse Gefühle und Gespräche nachvollziehen und Erinnerungen werden wach.
 

Erinnerungen kehren zurück!

 

Gestern am frühen Nachmittag war es soweit. Ich finde mich in meiner Vergangenheit, im Kindergarten wieder und stehe wie meist alleine herum. Beliebt bin ich nicht besonders, da ich ziemlich nahe am Wasser gebaut bin. Kein Wunder, täglich leide ich unter der rüden Behandlung durch meine Mutter, unter den Prügeln vom Vater und bin nach dem Kindergarten nur eingesperrt. Ich höre jetzt wieder dieses bescheuerte: „Nein du darfst nicht hinaus"... Während andere Kinder sich im Hof des Nachbarhauses spielend vergnügen, muss ich in der Bude sitzen. Es ist langweilig; immer und immer wieder blättere ich lustlos in dem ziemlich lädierten Struwelpeter. Irgendwann fliegt das Buch in die Ecke. Dann ist Zeit ins Bett zu gehen und die Langeweile weicht der Müdigkeit. Ach ja, morgen kommt Lena wieder in den Kindergarten. Sie ist immer sehr nett zu mir, sie tröstet mich wenn mal wieder alles so öde und so schrecklich erscheint. Oder wenn die anderen Jungs mich wieder mal ärgern oder mich links liegen lassen. Eben kommt sie zur Tür herein, strahlt wie der Sonnenschein und kommt gleich auf mich zu. Ein wohliges Gefühl, das am Besten niemals enden sollte.

Lena die mehr als ein Jahr älter ist als ich und in unserer Nachbarschaft wohnt, hat heute den Auftrag mich nach Hause zu bringen.

Bei uns ist niemand da (ein seltenes Glück) und die Nachbarin bittet mich ins Haus.

Ich darf mit in Lenas Zimmer, für mich ist unverständlich wieso ein Kind sein eigenes Zimmer hat, (in unserer Wohnung gibt es nur eine große Küche und ein Schlafzimmer) doch ich genieße die Zeit mit ihr. Über mein Problem, dass ich bei vielen Gelegenheiten weinen muss sprechen wir und ich erzähle von den vielen Schlägen die ich zuhause erleiden muss. Sie ist ein Bombenmädel und meint: „lass es doch Lena sein die weint“! Denn weinen ist Mädchensache, meint sie altklug.

Dann kam mein Vater um mich abzuholen, ich trödelte wohl etwas und deshalb gab es daheim ein Riesengeschrei und ich wurde verprügelt, dass ich Angst um mein Leben bekam.

Mit der Zeit wurde es etwas ruhiger, ich wurde von den Jungs einigermaßen akzeptiert, seit ich einem anderen Jungen, der mich mit allerlei Sticheleien auf die Palme brachte, einen Stein an den Kopf geworfen hatte. Natürlich gab es daheim wieder die obligatorischen Prügel. Abends vor dem einschlafen erzählte ich meinen Kummer der imaginären Lena und sie weinte leise für mich.

 

Die ersten Schuljahre vergingen und dann kam der Tag, an dem ich mich von Lena trennen musste. Umzug in ein anderes Dorf... und irgendwie geriet Lena und der Kontakt mit meiner Gefährtin in Vergessenheit. Auch am neuen Wohnort war ich schnell bei den Jungs untendurch. Durch mütterliche Unvernunft immerzu eingesperrt und überernährt (der stets überfüllte Teller musste leergegessen werden), war ich im Sport eine totale Null. Zum Glück kümmerten sich einige Mädchen um mich, sodass ich mich nicht ganz alleine gelassen fühlte.

 

Erinnerungen an einen Abend einige Jahre später, an dem ich etwas getan habe, das mein Leben etwas erleichterte.
Ich sehe mich vor dem verhassten Vater stehen, er verlangt ich solle mich bücken. Ja, ich weiß was jetzt kommen wird. Eben nimmt er wieder den schweren Lederriemen in die Hand; ich aber drehe mich um, stellte mich mit geballten Fäusten vor ihn und brülle ihn an: "Hör auf mich zu schlagen, ich hasse Dich unendlich!"

Er wird blass im Gesicht, dreht sich um und geht aus dem Zimmer.
Er hat mich nie wieder geschlagen!

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